Foto iStock.com: bowdenimages

Unternehmensnachfolge in Familiensystemen

Lautes Schimpfen auf dem Hof. „Ah, die haben sich mal wieder in den Haaren“, denken die Mitarbeiter, ziehen die Köpfe ein und arbeiten bedrückt weiter.

Es läuft nicht mehr rund seit einer Weile und schon gar nicht harmonisch. Der Altchef, Herr Kuhn ist im Rentenalter und möchte sich zur Ruhe setzen. Das sollte bei drei Kindern eigentlich auch kein Problem sein, hatte er immer gedacht.

Seine älteste Tochter, Frau Wolz, arbeitet bereits seit sieben Jahren in der Firma. Sein jüngerer Sohn ist ebenfalls seit drei Jahren in der Firma, die jüngste Tochter studiert und hat kein Interesse am Familienunternehmen. Frau Wolz hatte sich seit Jahren schon innerlich darauf vorbereitet, eines Tages den Familienbetrieb mit 160 Mitarbeitern zu übernehmen.

 

Die rechtliche Seite ist nur ein Bruchteil der Übernahme

Die rechtlichen Dinge sind geklärt, doch seither sind Spannungen in der Familie aufgetaucht, mit denen Frau Wolz nicht gerechnet hatte. Der Vater kommt  seit der offiziellen Übergabe weiter täglich ins Büro, um „nach dem Rechten zu sehen“ und geht auch so schnell nicht wieder, obwohl er sich eigentlich „nicht mehr einmischen wollte“.

Frau Wolz hat Mühe, ihre neuen Ideen umzusetzen, denn der Vater widerspricht ihr und die Mitarbeiter sind es gewohnt, auf ihn zu hören. Und auch der Bruder möchte sich von der Schwester „nichts vorschreiben lassen“ und reagiert empfindlich auf Anweisungen, die sie als die neue Chefin gibt.

Das spaltet allmählich auch die Belegschaft, die nicht mehr weiß, an wem sie sich orientieren soll.

 

Familiäre Nachfolge erfordert emotionale Klarheit

Es stehen so viele Fettnäpfchen rechts und links am Weg,  von deren Existenz Frau Wolz bislang nichts geahnt hatte, dass sie beinahe die Lust verliert, den Betrieb weiterzuführen.

Sie fühlt sich kontrolliert und gegängelt, hat es aber bisher nicht übers Herz gebracht, dem eigenen Vater zu sagen, dass er nicht mehr täglich in die Firma kommen soll. Der kann noch nicht wirklich loslassen, denn er möchte noch nicht zum alten Eisen gehören. Das spürt Frau Wolz genau.

Auch dem kleinen Bruder gegenüber, den Frau Wolz ihr Leben lang beschützt und verteidigt hat, kann sie nicht wirklich als Chefin gegenübertreten, denn als Schwester kennt sie nur das innere Programm, ihn zu beschützen. Sie müsste die Rolle der Schwester im Unternehmen bewusst ablegen, um die Rolle der Chefin übernehmen zu können.

 

Rollenkonflikte gehören dazu

Bei einer Übernahme im Familienbetrieb geraten immer verschiedene Rollen und Rangfolgen miteinander in Konflikt. Diese bringen Verwirrung im Geist und sind emotional sehr anstrengend.

Die Eltern stehen in der Rangfolge über den Kindern. Genauso wie frühere Firmenchefs oder Firmengründer rangmäßig über den Nachfolgern stehen. Doch der aktuelle Firmenchef steht in der Rangfolge über den fest angestellten genauso wie über den freien Mitarbeitern.

Diese Widersprüche innerhalb einer Person lassen sich nur durch bewusste Würdigung auflösen und lebbar machen. Wenn die den unterschiedlichen Rollen zugehörigen Emotionen außer Acht gelassen werden, kann das die ganze Übernahme zum Scheitern bringen.

 

Die Liebe im Familiensystem braucht Ausdruck

Was könnten die Beteiligten also tun, um die Übernahme reibungsloser zu gestalten. Zunächst ist es wichtig, die verschiedenen Rollen bewusst zu besprechen. Jeder Beteiligte braucht in seiner jeweiligen Rolle Achtung und Zustimmung, damit er sie auch gut ausfüllen kann.

Zum Beispiel könnte Frau Wolz zum Vater sagen: „Du bist mein Vater, und ich achte dich als meinen Vater, genauso wie ich dich als Firmengründer achte. Und aus Dankbarkeit dir gegenüber wende ich mich nun meinen neuen Aufgaben zu und führe die Firma dir zu Ehren weiter, so gut ich es kann.“

Und zum Bruder könnte sie sagen: „Du bist mein kleiner Bruder, und ich werde immer deine große Schwester sein. Und als Chefin gebe ich dir die notwendigen Anweisung. Und das ändert nicht das Geringste an meiner Liebe zu dir als Schwester. “ Etc.

So lassen sich in einem familiengeführten Unternehmen neue Strukturen und Gewohnheiten festigen und die Übernahme kann gelingen.

Dieser Artikel ist im Juni 2017 auch im XING-Magazin erschienen.

Hanne Demel

Schreibe einen Kommentar